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Viel Musik, viel Freundschaft, viel Natur

Artikel von Mascha Join-Lambert veröffentlicht in der Allegemeine Deutsche Zeitung, Bukarest, 22 september 2017

GruppeBei gemeinsamen Ausflügen, auch mit dem Pferdewagen, wurde die Freundschaft zwischen den Jugendlichen gefestigt. Foto: Gabriele Nagel

Das Projekt VoCE 2014-2018 erinnert seit 2014 mit einer jährlichen Begegnung von acht Chören aus sieben europäischen Ländern und einer Friedensschule daran, dass seit dem Ersten Weltkrieg 100 Jahre vergangen sind. In diesem Jahr haben sich die Chöre in der zweiten Augusthälfte in Klausenburg/Cluj getroffen und haben an mehreren öffentlichen Plätzen in der Stadt und auch in einem Konzert in der Aula Magna der Universität Babes-Bolyai gesungen. Doch zu dem VoCE Projekt gehört neben Begegnungen von Amateursängern auch der Austausch unter jungen Erwachsenen. Nach dem Chortreffen in Klausenburg waren zum ersten Mal junge Erwachsene aus Deutsch-Weißkirch/Viscri im Repser Land Gastgeber, nachdem sie im Mai schon am fünften Austausch in Frankreich, auf den Stätten der Schlachten an der Somme teilgenommen hatten. Sie bilden den aktiven Nachwuchs des Vereins „Viscri Începe“, betreut von ihrer Sozialpädagogin Tina Bing.

Den anderen 20 Teilnehmenden aus Polen, Deutschland und Frankreich wollten sie ihr Land und ihr Leben zeigen: ihren Jugendclub und ihre Tänze, die mittelalterliche Kirchenburg in Deutsch-Weißkirch und die nahe Stadt Reps/Rupea, die Schäferei auf den Hügeln neben dem Dorf. Der Höhepunkt aber war ein Abend zu Gast in verschiedenen Familien in Deutsch-Weißkirch. Für all die jungen Großstädter aus dem Ausland war das ein Eintauchen in eine andere Welt, welches helfen dürfte, die Vorurteile Rumänien gegenüber zu vermindern. Natürlich gab es auch formelle Aufgabenstellungen zu Vorbeugung und Überwindung von Gewalt, mit Gruppenarbeiten und im Ergebnis für die Bewohner von Deutsch-Weißkirch eine Fotoausstellung und eine Vorstellung aus Wort und Tanz, inspiriert von den Berliner Künstlerinnen Gabriele Nagel und Astrid Rashed.

Für die Veranstalter der Friedensschule war die schönste Bestätigung die Freundlichkeit, mit der etwa die dunkelhäutigen Teilnehmenden aus Frankreich empfangen wurden: Da wurden „Selfies“ mit ihnen auf dem Markt in Reps gemacht, da war die große Erleichterung am Ende, die einer von ihnen in die Worte fasste: „Ich kam hierher im Rahmen meines persönlichen Entwicklungsprojektes  und unerwartet habe ich obendrein Freundschaft gefunden!“ Unterstützt wird das Projekt VoCE 2014-2018 vom Deutsch-Französischen Jugendwerk, Partner für die diesjährigen Veranstaltungen waren der Volksbund/Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der Chor Visszhang aus Klausenburg, der Verein „Viscri Începe“. 2018 gibt es ein Wiedersehen in Savoyen und in Berlin.

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Ausblick auf 2018

Als ich die fast 200 Singenden die Bühne erklettern beobachtete, in Cluj alias Koloszar alias Klausenburg in Transylvanien, Rumänien, vor gerade ein paar Wochen, sprang es mir ins Auge: diese VoCE2014-2018 – geschichte ist eine Geschichte von Vertrauen. Keiner dieser Dirigenten kannte sich noch vor ein paar Jahren. Zuerst war es einer, dann zwei, heute acht, die ihre Chormitglieder aus sieben Ländern mit uns durch Europa ziehen.
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Bringt Musik einen Mehrwert für die Erinnerung an 1918, das Jahr, in dem der Krieg schließlich die Waffen streckte? [1]
Zusammen singen, fünf Jahre lang, beieinander Gast sein – eine Schule des Vertrauens?
Möglicherweise nur eine nette Illusion.

Heute in Europa: da sind Länder, deren Bürger nicht mehr zusammen leben wollen, gerade handgreiflich zu betrachten in Spanien. Welch ein Energieverschleiss, so scheint es uns. Und in Rumänien waren wir Zeugen der Verbalkanönchen zwischen der ungarischen Minderheit und der rumänischen Mehrheit. Man konnte sich ausmalen, was am 1. Dezember 2018 zu hören sein wird, wenn Rumänien stolz seinen Nationaltag feiern wird, der an den Ausgang des Referendum in 1918 erinnert, mit dem Transylvanien Rumänien zugesprochen wurde – ein Feiertag, der gerne vergißt, dass auch für die seit damals minderheitlichen Ungarn dort ihre Heimat ist, ebenfalls seit 1000 Jahren. Auch Ungarn zieht schon alle Register dem Nachbarn gegenüber. Hier wird 2018 die Musik eher gegeneinander spielen.
Nein, Vertrauen ist an der Quelle schon vergiftet, wenn man Zukunft im Brunnen der alten Konflikte schöpfen will.

Heute in Europa: da sind Länder, die Reparationen von Deutschland verlangen, weil sie keine andere Möglichkeit erkennen, von dem Land der Ewig Klassenbesten und Wandelnden Grundsatzreferate respektiert zu werden – und dies trotz jahrzehntelanger echter Mühen um Ausgleich und Versöhnung.
Nein, Vertrauen kann nur bei Pflege der Lust auf Ent  -  deckung lebendig bleiben: bei den einen, dass sie mehr sind als die stets Schuldigen, bei den anderen, wie sehr Erinnerung sie schmerzt.

Was also können wir ausrichten?

Aber ja, gemeinsam singen ist eine Schule zu geschwisterlichem Vertrauen, denn die freie Muse verteilte die Geschenke der Begabung und Beglückung ohne Rücksicht auf Vorrechte jedweder Sorte. Ein deutsches Sprichwort sagt: „Wo man singt, da laß Dich ruhig nieder“. Dazu wird uns Savoyen im Sommer 2018 einladen: Sitzen im Grünen und am Wasser, Schweigen, Hören, Denken, Singen, Reden, Tanzen…und danach werden wir das Vertrauen von Europäern nach Berlin tragen, im November 2018.

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Mascha Join-Lambert

 

[1] Auf französisch reden wir nicht von « dem  Ende » des Kriege, sondern von „den Wegen aus dem Krieg“